Blues Rock Reviews 2025

Jay Hooks - Tequila & Bullets

„Tequila & Bullets“ ist ein dreckig‑erdiges Texas‑Bluesrock‑Album, das klingt, als würde eine schwitzige Bar an der Golfküste direkt in dein Wohnzimmer verlegt, rau, gitarrengetrieben und ohne Sicherheitsnetz. Jay Hooks mischt klassischen Lone‑Star‑Blues mit Southern Rock und einer Prise Outlaw‑Vibe und liefert damit eine Scheibe ab, die sich eher wie ein Live‑Set als wie ein Studioprodukt anfühlt.

Hintergrund und Sound

Jay Hooks ist ein texanischer Gitarrist, der seit den späten 90ern immer wieder mit kompromisslosem E‑Blues von sich reden macht und 2025 mit „Tequila & Bullets“ sein Comeback im Longplayer‑Format hinlegt. Der Sound ist klassisch Texas: fette Gitarren vorne, eine solide Rhythmussektion im Rücken und dazu warme Hammond‑Farben, die den Songs Club‑Atmosphäre geben. Produzent Matthew R. Johnson setzt auf ein direktes, offenes Klangbild als höre man quasi, wie der Schweiß von der Decke tropft und die Verstärker kurz vorm Durchbrennen stehen.

Songs und Highlights

Der Opener „Evinrude Boat Motor“ ist ein schneller Boogie‑Shuffle, der das Gaspedal sofort durchtritt und perfekt zeigt, wie tight die Band zusammenspielt. Danach fährt der Titelsong „Tequila & Bullets“ das Tempo runter und kommt als schwerer, dunkler Slow‑Blues mit bedrohlicher Note und brennendem Gitarrensolo. Der Song klingt, als wäre er direkt für einen staubigen Outlaw‑Film geschrieben worden.​ Mit „A Woman Like You“ biegt Hooks in den Southern‑Rock‑Bereich ab, inklusive treibender Riffs und Refrain mit Ohrwurmpotenzial. „Lonesome“ hält dann den Blues‑Traditionalisten bei Laune: klassisches Thema, schnörkelloses Storytelling, viel Gefühl in Stimme und Gitarre.​

Gitarrenarbeit und Band

Hooks’ Gitarrenspiel ist klar der rote Faden des Albums: fette Texas‑Licks, singende Bendings, mal im Geist von SRV und ZZ Top, mal mit Hendrix‑Schatten aber immer mit eigener Kante. Perfekt unterstützt von Jorge Castillo an der Rhythmusgitarre bleiben die Soli melodisch und songdienlich, trotz aller Virtuosität und laden permanent zum imaginären Luftgitarrenspiel ein.​Die Band liefert das passende Fundament: Produzent Matthew R. Johnson an den Drums und Brock Proctor am Bass halten die Grooves kompakt und druckvoll, während die Hammond-Orgel mit Barry Seelen immer wieder Akzente setzt und den Tracks zusätzliche Tiefe verpasst. Man merkt, dass hier Musiker am Werk sind, die diesen Stoff jahrelang auf Bühnen verbrannt haben, bevor sie ihn im Studio auf Band gebannt haben.​

Fazit

Die Grundstimmung von „Tequila & Bullets“ ist rau, kantig und trotzdem ausgesprochen zugänglich, ein Album für Leute, die ihren Blues gerne mit Dreck unter den Fingernägeln und Rock‑Schub serviert bekommen. Wer auf Texas‑Blues zwischen SRV‑Schule, ZZ‑Top‑Groove und moderner Bluesrock‑Härte steht, wird hier mehr als gut bedient.​ Unterm Strich ist „Tequila & Bullets“ eine starke, sehr gitarrenorientierte Scheibe, die den Texas‑Blues Anno 2025 frisch, laut und selbstbewusst präsentiert.

Albuminfo

Titel: Tequila & Bullets

Interpret: Jay Hooks

Veröffentlichung: 22.09.2025 Joplin Music

Top Tracks: Tequila & Bullets, A Woman Like You, Left Me Cold

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐  9/10

Cash Box Kings - Oscar’s Motel

„Oscar’s Motel“ ist ein herrlich altmodisches, gleichzeitig sehr waches Chicago‑Blues-Album, das klingt, als stünde draußen ein Neon-Schild vor einem schummrigen Juke Joint und drinnen würde genau jetzt die beste Hausband der Stadt spielen. Die Cash Box Kings zeigen hier einmal mehr, wie man klassischen Sound mit aktuellem Feeling auflädt, ohne in Retro-Folklore oder Bluesrock-Bombast abzurutschen.

Album, Setting, Vibe

„Oscar’s Motel“ ist 2023 bei Alligator Records erschienen, elf Tracks stark, neun eigene Songs plus zwei stilvoll umgebaute Klassiker von Muddy Waters („Please Have Mercy“) und Sonny Boy Williamson („Pontiac Blues“).​ Im Zentrum stehen Sänger Oscar Wilson und Harp‑Mann Joe Nosek, flankiert von einer bestens eingespielten Truppe: u.a. Billy Flynn an der Gitarre, Lee Kanehira an Piano/Orgel und Kenny „Beedy Eyes“ Smith sowie weitere Drummer an den Drums. Das Konzept ist so einfach wie charmant: „Oscar’s Motel“ als fiktiver Ort, ein loser Rahmen für Songs über das echte Leben im Blues-Kosmos von Chicago bis Midwest, in dem man abstürzt, feiert, liebt und flucht.

Sound: Old School mit frischer Luft

Klanglich ist das klassischer Chicago Blues mit allem, was dazugehört: fetter Harp‑Ton, pointierte Gitarrenlicks, rollendes Piano, satt federnde Rhythmusgruppe, aufgenommen in Chicagos Reliable Recorders/Hi-Style Studio und produziert von Joe Nosek. Die Platte klingt trocken und nah, mehr Juke Joint als Edelstudio: Man hört, wie die Band im Raum atmet, ohne dass der Mix verstaubt wirkt.​ Besonders stark ist, wie selbstverständlich das Album zwischen Shuffle, Jump, etwas Swamp- und Rockabilly‑Vibes pendelt, ohne den roten Chicago-Faden zu verlieren.​

Songs, die hängen bleiben

  • Der Opener und Titelsong „Oscar’s Motel“ ist ein kompaktes, hookiges Aushängeschild: Midtempo-Groove, Storytelling über diesen sagenumwobenen Motel-Ort, Noseks Harp als zweiter Lead‑Sänger und ein Refrain, der sofort wie ein Live-Mitgröler wirkt.

  • „Down On The South Side“ spannt mit Bildersprache und Groove ein kleines Stadtpanorama auf, man sieht die Straßenecken förmlich vor sich, während „Hot Little Mess“ den Spaßfaktor nach oben schraubt und zeigt, wie viel Humor in dieser Band steckt.​

  • Mit „Please Have Mercy“ und „Pontiac Blues“ verneigen sich die Cash Box Kings vor Muddy Waters und Sonny Boy Williamson, ohne in museale 1:1‑Kopien zu verfallen. Die Band spielt die Nummern mit Drive, eigener Note und spürbarer Liebe zu den Originalen.​

Gäste, Texte, Zeitgeist

Prominente Gäste bringen zusätzliche Farben ins Motel: Chicago-Blues-Diva Deitra Farr taucht für „I Can’t Stand You“ auf, Memphis-Sänger John Németh veredelt „Pontiac Blues“. Die Beiden fügen sich so selbstverständlich ein, als hätten sie schon immer in dieser Band gesungen.​ Textlich arbeiten die Cash Box Kings mit klassischem Blues-Inventar (Beziehungen, Betrug, Geld, Drinks), streuen aber immer wieder Seitenhiebe auf Gegenwartsthemen ein und schaffen damit einen leichten sozialen Unterstrom, ohne den Zeigefinger zu heben. Das Album ist zudem den Frontline-Workers der Pandemie gewidmet. Ein kleiner, aber sprechender Hinweis darauf, dass hier Leute spielen, die die Realität außerhalb des Clubs sehr genau kennen.​

Fazit

„Oscar’s Motel“ ist eine dieser Platten, die man auflegt und nach zwei, drei Songs das Gefühl hat, Stammgast zu sein: Man kennt den Barkeeper, man kennt die Band, und man weiß, dass es ein langer Abend wird.​ Starke Songs, dicke Harp, lebendige Stories und null Plastik, wer etwas für authentischen, handgemachten Chicago Blues übrig hat, kommt an diesem Album kaum vorbei.​

Albuminfo

Titel: Oscar’s Motel

Interpret: Cash Box Kings

Veröffentlichung: 17.03.2023 Alligator Records/Eyeball Music

Top Tracks: Oscar’s Motel, Down On The South Side, Hot Little Mess

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐  9/10

Jovin Webb – Drifter

Mit „Drifter“ legt Jovin Webb ein Debüt vor, das sofort klar macht, dass hier kein weiterer traditioneller Bluesact antritt, sondern ein Künstler, der klassischen Blues, Southern Rock und Soul zu einem zeitgemäßen, druckvollen Sound formt. Das Album wirkt roh und emotional, gleichzeitig aber erstaunlich fokussiert und durchdacht.

Sound und Stil

„Drifter“ ist tief im Blues verwurzelt, öffnet sich aber konsequent Richtung Rock, Soul und Southern Roots. Webb bewegt sich damit deutlich näher an modernen Bluesrock- und Southern-Soul-Produktionen als an puristischen Chicago- oder Delta-Blues-Konzepten. Sein Gesang ist rau, leicht heiser und sehr präsent. Er erinnert in seiner Intensität an Otis Redding, trägt aber genug zeitgenössische Härte in sich, um nicht nostalgisch zu wirken. Dieser Vocal-Charakter gibt dem Album sofort ein klares Profil.

Songs und Highlights

Der Opener „Bottom of a Bottle“ setzt mit dreckiger Mundharmonika und schwerem Groove den Grundton. Inhaltlich geht es um Absturz, Sucht und Selbstzerstörung, musikalisch um kompromisslosen, modernen Blues mit Rockkante. Der Titelsong „I’m a Drifter“ entwickelt sich langsamer, steigert sich über ein intensives Vocal-Build-up und wirkt wie das emotionale Zentrum des Albums. Hier verdichten sich Rastlosigkeit und Außenseiter-Motiv zu einer überzeugenden Blues-Hymne.

Mit „Save Me“ und „Drunk on Your Love“ zeigt Webb seine soulige Seite. Das Tempo wird zurückgenommen, die Arrangements lassen Raum für Emotion, ohne ins Sentimentale abzurutschen. Deutlich nach vorne gehen „Wig on Wrong“ und die rockigeren Titel, die mit klaren Rock’n’Roll-Referenzen und treibender Energie arbeiten. Diese Songs geben dem Album Dynamik und verhindern, dass es sich stilistisch festfährt.

Songwriting und Themen

Textlich bedient „Drifter“ klassische Blues-Themen wie Unterwegssein, innere Dämonen, Selbstzweifel und komplizierte Beziehungen. Webb formuliert diese Motive jedoch mit persönlicher, moderner Note statt mit Genre-Floskeln. Das wiederkehrende Drifter-Motiv verleiht dem Album einen roten Faden und einen klaren inhaltlichen Rahmen. Bemerkenswert ist, dass Webb seine Vorgeschichte nicht in Richtung glatten Mainstream nutzt, sondern sie in einen glaubwürdigen, rauen Blueskontext überführt.

Performance und Produktion

Produzent von „Drifter“ ist der mehrfach Grammy-ausgezeichnete Tom Hambridge, der sonst u.a. mit Buddy Guy, Susan Tedeschi und Christone „Kingfish“ Ingram arbeitet. Das prägt den Sound massiv: Das Album klingt wie moderner, radiotauglicher Bluesrock mit klarer Struktur, ohne die Rauheit und Erdigkeit zu verlieren.

Hambridge sitzt bei „Drifter“ selbst an den Drums, schreibt mit und hat die Band um Gitarrist Kenny Greenberg, Keyboarder Mike Rojas, Bassist Rob Cureton, Max Abrams (Sax) und Julio Diaz (Trompete) zusammengestellt. Dadurch entsteht ein sehr tightes, live wirkendes Band-Feeling: trockene, druckvolle Grooves, viel Raum für Vocals und Harp, aber ohne ausufernde Jams.

Typisch Hambridge ist der Mix aus organischer Wärme und moderner Klarheit: Die Gitarren sind präsent, aber nicht überkomprimiert, die Orgel füllt den Raum, und Webbs Stimme steht extrem fokussiert im Vordergrund. Das unterstützt Webbs Storytelling, der Sound transportiert seine „Drifter“-Figur als glaubwürdigen, zeitgenössischen Bluesman statt als Retro-Kopie.

Fazit

„Drifter“ ist ein starkes, in sich geschlossenes Debüt, das stilistische Vielfalt mit klarer Linie verbindet. Für Hörer, die Acts wie Christone „Kingfish“ Ingram, Marcus King oder moderne Southern-Blues-Künstler schätzen, ist dieses Album ein Pflichttermin. Jovin Webb positioniert sich hier direkt in der oberen Liga des zeitgenössischen Bluesrocks und zeigt, dass er gekommen ist, um zu bleiben.

Porträt Jovin Webb

Jovin Webb kommt aus der klassischen „Church-to-Blues“-Biografie eines Louisiana-Musikers: zuerst Gospel und Soul in der Kirche, dann der bewusste Schritt in den Blues als Ausdruck persönlicher Brüche und Erfahrungen.

Herkunft und frühe Prägung

Webb wurde am 4. Dezember 1990 in Gonzales, Louisiana, geboren und ist im Großraum Baton Rouge aufgewachsen. Er lebt dort auch heute und ist damit tief in der Musiktradition zwischen Bayou, Swamp-Blues und Southern Soul verwurzelt. Er wuchs mit einer alleinerziehenden Mutter auf, sein Vater brachte ihm früh den Blues nahe, etwa mit Songs wie „Boom Boom“ von John Lee Hooker und legte damit die Grundlage für seine Begeisterung für das Genre.

Vom Gospel zum Blues

Musikalisch begann er im Umfeld der Southern-Black-Baptist-Kirche; die dortige Gospelmusik war für ihn zunächst Ventil für Schmerz, Sehnsucht und Trost. Mit den eigenen „Trials and Tribulations“, persönlichen Krisen, Zweifeln, Beziehungs- und Lebensfragen, verschob sich sein Schwerpunkt immer stärker Richtung Blues, den er als „verwandte Sprache“ des Gospels versteht.

American Idol als Wendepunkt

Ein wichtiger Karriereschub war seine Teilnahme an „American Idol“ 2020 (Staffel 18), wo er mit seinem rauen, souligen Timbre in die Top 10 kam. Dort beschrieben Lionel Richie und Luke Bryan seine Stimme sinngemäß als „Sound von BBQ-Sauce“ und als etwas, zu dem man „Bourbon trinken“ möchte, Formulierungen, die sein Image als authentischer Bayou-Soul-Blueser stark geprägt haben.

Neuorientierung und „Drifter“

Etwa fünf Jahre vor „Drifter“ stand Webb nach eigener Aussage kurz davor, die musikalischen Träume aufzugeben, bevor Idol und die anschließende Zusammenarbeit mit Blind Pig Records und Produzent Tom Hambridge die Karriere neu starteten. „Drifter“ versteht er selbst als vertonte Bestandsaufnahme seines Lebens, eine Auseinandersetzung mit Religion, Frauen, Karriere und den Höhen und Tiefen seines Weges, in der sich seine gesamte musikalische Entwicklung bündelt.

Stil und Einflüsse

In Interviews nennt Webb Einflüsse von Southern-Gospel über Soul bis zu Bluesgrößen wie Muddy Waters und Howlin’ Wolf, was sich in seiner Mischung aus rauem Gesang, Storytelling und Harmonica-Spiel spiegelt. Auf der Bühne und im Studio verbindet er diese Wurzeln mit einem zeitgenössischen Bluesrock-Ansatz, der gleichermaßen in kleinen Clubs wie auf größeren Festivalbühnen funktioniert.

Albuminfo:

Titel: Drifter

Interpret: Jovin Webb

Veröffentlichung: 18.10.2024 Blind Pig Records

Top Tracks: Im a Drifter, Blues for a Reason, Save me  

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 10/10

 

Mississippi McDonald – Slim Pickin’

Mississippi McDonald ist einer dieser Typen, die nicht versuchen, den Blues neu zu erfinden. Er spielt ihn einfach so überzeugend, dass du dich fragst, warum das überhaupt jemand versucht  und „Slim Pickin’“ (erschienen 2025 bei APM Records als akustisches Set mit zehn Songs) wirkt wie ein Album, das direkt aus einem verschwitzten Club kommt, in dem die Neonröhren flackern und die Band nur für dich spielt. Keine Spielereien, keine Übertreibungen: Mac, mehrfacher UK Blues Federation „Acoustic Act of the Year“ und 3‑facher UK‑Blues-Preisträger, setzt auf pure Substanz, Stimme, Gitarre und eine schlanke Begleitband.​

Stimme, Gitarre, Attitüde

McDonald hat diese wunderbar entspannte, aber bestimmte Art zu singen. Er klingt nicht gehetzt und nicht aufgeblasen, sondern so, als würde er dir eine Geschichte erzählen, die er schon lange mit sich herumträgt, egal ob es in „Trouble Doing The Right Thing“ um das Ringen darum geht, das Richtige zu tun, oder in „My Bad Attitude“ um die Einsicht, dass die eigene Haltung manchmal das Problem ist. In „I’m Sorry“ legt er eine fast soulige Entschuldigung hin, bei der jede Zeile wie ein Versuch wirkt, verlorenes Terrain zurückzugewinnen, während „Sad Songs“ den Kummer über vergeudete Chancen und vergangene Liebe in ruhige, aber eindringliche Bilder packt.

Sein Gitarrenspiel ist sauber, traditionsnah und manchmal fast frech. Er liebt diese knackigen Licks, die genau im richtigen Moment auftauchen und eine Nummer plötzlich nach vorne katapultieren, etwa wenn er in „Slim Pickin’“ das Wortspiel um „slim pickings“ und Beziehungsmüdigkeit mit lockeren Runs unterstreicht, oder wenn er „Statesboro Blues“ und „Goin’ Down Slow“ nicht als Gitarren-Feuerwerk, sondern als souveräne Fingerstyle-Statements mit viel Raum atmen lässt. Auch in der Keb‑Mo‑Nummer „You Can Love Yourself“ verzichtet er auf Show; kleine Fills und präzise Akzente tragen die Botschaft von Selbstakzeptanz und innerer Neuausrichtung, ohne sie je zu übertönen.​

Songs, Spannweite und Anspieltipps

Die Songs auf „Slim Pickin’“ decken das ganze Bluesfeld ab. Es gibt Shuffle-Nummern, die richtig rollen, langsame Titel, die dich in die Sitzbank drücken, und treibende Grooves, bei denen du automatisch mit dem Fuß mitgehst, von der Zack‑Logan-Komposition „Trouble Doing The Right Thing“ als rauem, akustischen Opener über den Titeltrack „Slim Pickin’“ bis zu Klassikern wie „Statesboro Blues“, „Got To Get To Walkin’“ und „Goin’ Down Slow“. Die Stärke des Albums liegt darin, dass McDonald eigenes Material wie „My Bad Attitude“, „I’m Sorry“, „Sad Songs“ völlig selbstverständlich neben Interpretationen von Blind Willie McTell, James Oden, Sister Rosetta Tharpe und Keb’ Mo’ stellt, ohne dass je der Eindruck eines Flickenteppichs entsteht.

Inhaltlich kreisen die Stücke um klassische Blues-Themen: Moral und Versuchung („Trouble Doing The Right Thing“), zermürbte Beziehungen und schwindende Optionen („Slim Pickin’“), Selbstkritik und Reue („My Bad Attitude“, „I’m Sorry“), Abschied und Vergänglichkeit („Goin’ Down Slow“), spirituelle Irritationen in einer aus den Fugen geratenen Welt („Strange Things Happening Every Day“) bis hin zur Frage, wie man nach dem ganzen Schmerz wieder bei sich selbst ankommt („You Can Love Yourself“). McDonald erzählt das nicht über große Gesten, sondern über prägnante Bilder und kleine Alltagsbeobachtungen, die er in eine sehr direkte, unverstellte Sprache packt.

Produktion, Credits und Atmosphäre

Die Produktion ist warm und direkt. Du hörst die Saiten, du hörst den Raum, du hörst dieses leichte Grinsen, das McDonald wahrscheinlich beim Einspielen drauf hatte, eingefangen in einem Setting, das so nah am Live-Gefühl bleibt wie möglich. Phil Dearing sorgt als Produzent, zweiter Gitarrist und Keyboarder dafür, dass kleine Farbtupfer im Arrangement landen, während Brent Cundall mit seinem Bass für Fundament sorgt, ohne den akustischen Kern aus Stimme und Gitarre zu erschlagen. Das Album fühlt sich an wie ein Abend, der langsam beginnt, sich steigert und dir am Ende genau das gibt, was du dir erhofft hast: ein Set, das wirkt, als wäre es so an einem Stück gespielt worden inklusive Cover-Höhepunkten wie „Statesboro Blues“, „Goin’ Down Slow“ und „Strange Things Happening Every Day“.

Fazit

„Slim Pickin’“ ist kein lautes Statement. Es ist ein souveräner Beweis dafür, wie zeitlos dieser Sound sein kann, wenn jemand ihn wirklich verstanden hat und ein weiteres Kapitel in der Karriere eines Künstlers, der nach Alben wie „Heavy State Loving Blues“ und „Call Me Mississippi“ nun seine akustische Seite endgültig auf Albumlänge definiert. Mississippi McDonald ist ein Londoner, der mit seiner akustischen Gitarre, einer Handvoll starker Songs und großem Respekt vor McTell, Oden, Sister Rosetta und Keb’ Mo’ zeigt, wie lebendig moderner Acoustic Blues 2025 klingen kann, mit jeder Menge Geschichten zwischen den Zeilen.

Albuminfo

Titel: Slim Pickin’

Interpret: Mississippi Mc Donald

Veröffentlichung: 04.07.2025 APM Records (Another Planet Music) / Blind Raccoon Records

Top Tracks: Slim Pickin’, Statesboro Blues, Trouble Doing the Right Thing

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 10 / 10

Alastair Greene – Live In Sin City

Es gibt Livealben, die dokumentieren ein Konzert und es gibt Livealben, die fangen eine ganze Nacht ein.
„Live In Sin City“ gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Alastair Greene steht hier nicht einfach auf einer Bühne, er steht auf einer eigenen kleinen Bluesinsel mitten in Las Vegas und scheint fest entschlossen zu sein, das Kasino-Lichtermeer mit purer Gitarrenglut zu überstrahlen. Er liefert mit "Live In Sin City" eine explosive EP ab, die die rohe Energie und Authentizität seiner Live-Performances einfängt. Die fünf mitreißenden Live-Songs: "Temptation (Live in Sin City)", "Trouble At Your Door", "Standing Out Loud" (der Titeltrack seines jüngsten Studioalbums), "Slow Burn" und eine feurige Interpretation von "Meantown Blues" – eine Hommage an den verstorbenen Johnny Winter.

Was sofort auffällt ist die Energie dieser Band. Greene spielt, als hätte ihm jemand gerade erzählt, dass der Blues neu erfunden werden soll und er derjenige ist, der das Prototypkapitel schreibt. Sein Ton hat Feuer und Bodenhaftung zugleich und er bleibt bei aller Virtuosität immer in diesem rauen, geerdeten Bluesrock-Gefühl, das Fans an ihm so schätzen.

Die Improvisationen tragen klar seine Handschrift. Anders als viele Gitarristen, die Liveplatten gern zu Solo-Feuerwerken aufblasen, lässt Greene seinen Songs Platz zum Atmen. Er lässt die Spannung wachsen. Er zieht an, er lässt los, er spielt mit dem Publikum und mit sich selbst. Das Ganze wirkt nie gekünstelt, sondern wie ein ehrliches Gespräch zwischen Musiker und Zuhörer.

Besonders stark sind die Momente, in denen Greene vom klassischen Bluesrock in schärfere, fast schon wütende Ausbrüche kippt. Du hörst die Bühne knistern, die Band steigt hart ein und für einen Augenblick fühlt es sich an, als hätte jemand die Grenzen der Blues-Map ausradiert. Greene kann traditionell und er kann modern und genau das macht dieses Album so anziehend.

Der Sound ist erstaunlich klar für eine Liveaufnahme aus der Spielhölle von Vegas. Die Gitarre steht im Zentrum, aber der Bass pumpt warm und rund, das Schlagzeug rollt wie eine gut geölte Maschine und das Publikum ist da, ohne jemals störend zu werden. Man merkt, dass Greene nicht nur spielt, um seine Fähigkeiten zu zeigen, sondern um Gefühle zu transportieren. Schmerz, Energie, Freude, dreckige Clubatmosphäre, all das steckt hier drin.

Fazit:

Das Album funktioniert wie ein Roadmovie in Echtzeit. Du bist mit Greene unterwegs, von Song zu Song, von Ton zu Ton. Und am Ende sitzt du da, genau wie alle im Saal, und denkst dir nur: Bitte noch einen. So klingt ein Musiker, der in seiner eigenen Liga angekommen ist.

Hintergrund Info:

Neben seiner gefeierten Solokarriere hat Greene seinen charakteristischen Sound auch für Grammy-Gewinner Alan Parsons und den Grammy-nominierten Soul-Blues-Künstler Sugaray Rayford beigesteuert, was seine Stellung als respektierter und vielseitiger Gitarrist weiter festigt. Er kombiniert klassische Blueswurzeln mit einem modernen Sound, der immer eine Spur rau bleibt. Greene ist bekannt für seine ausdrucksstarke Spielweise, sein warmes Vibrato und diese besondere Mischung aus Bodenständigkeit und explosiver Energie. Seit Jahren tourt er weltweit und hat sich den Ruf eines Musikers erarbeitet, der auf der Bühne zu seinem besten Selbst wird.

Albuminfo:

Titel: Live In Sin City

Interpret: Alastair Greene

Veröffentlichung: 14.11.2025 Ruf Records

Top Tracks:  Meantown Blues  

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 9 / 10

Slash - Live At The S.E.R.P.E.N.T. Festival

Dieses Album ist ein leidenschaftliches Live-Statement für handgemachten, kompromisslosen Rock. Genau so soll ein Livealbum von Slash klingen. Er wirkt hier wie ein Gitarrist, der seinen eigenen Kosmos längst gefunden hat und ihn mit einem breiten Grinsen präsentiert. Der Sound ist roh und ehrlich. Nichts wirkt glattgebügelt. Wenn ein Ton kippt, kippt er eben. Wenn die Band einen Zentimeter zu weit nach vorne springt, tut sie es mit voller Absicht und vollem Genuss.

Slash feuert seine Soli so selbstverständlich in die Menge, als würde er auf einer Couch sitzen. Die Linien sind melodisch und blitzsauber, aber nie klinisch. Man spürt die Luft zwischen den Saiten. Die Band liefert ihm dafür ein Fundament, das sich wie eine walkende Dampflok anfühlt. Kein Schnickschnack, nur Herz und Groove. Slash’s aktuelle Begleitung besteht aus Teddy “ZigZag” Andreadis (Keyboards, Harmonica, Vocals), Tash Neal (Rhythmus-Gitarre, Vocals), Johnny Griparic (Bass), Michael Jerome (Drums), alles gestandene Szene-Grössen. Sie wirken gut eingespielt als Einheit, gönnen sich jedoch auch immer ihre spontanen Jams und Solis.

Das Set ist voll mit Southern Rock, Blues Feeling und genau dem Touch Classic Rock, den man von ihm erwartet. Die Sänger tragen ordentlich Druck bei und fangen die rauere Stimmung des Festivals wunderbar ein. Man hat das Gefühl, mit einem kalten Drink vor der Bühne zu stehen und die Sonne geht gerade unter. Genau dieser Moment ist es, den das Album festhält.

Fazit:

Ein echtes Livealbum, das lebt. Nichts für Hintergrundgedudel. Slash beweist sich als musikalischer Grenzgänger, der Fans und Kenner gleichermaßen mit Spielfreude und Virtuosität begeistert. Wer authentischen, live gespielten Blues mit einer ordentlichen Portion Rock mag, sollte bei „Live At The S.E.R.P.E.N.T. Festival“ unbedingt reinhören. Ein Album für alle, die Rock und Blues nicht nur hören, sondern spüren wollen, kompromisslos, ehrlich und mit einer ordentlichen Portion Gitarrenmagie.

Albuminfo

Titel: Live At The S.E.R.P.E.N.T. Festival

Interpret: Slash

Veröffentlichung: 07.11.2025 ℗ earMUSIC, a label of Edel Music & Entertainment GmbH.

Top Tracks:  The Pusher, Oh Well, Papa Was A Rolling Stone 

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 10 / 10

Dion – The Rock ’n’ Roll Philosopher

Dion DiMucci war nie einfach nur ein Veteran des Rock ’n’ Roll. Er ist ein Erzähler, ein Suchender, einer, der seine Wurzeln kennt und sie immer wieder neu belebt. Mit The Rock ’n’ Roll Philosopher veröffentlicht er ein Album, das wie ein spätes Statement wirkt, warm, handgemacht und ehrlich bis ins Detail.

Schon der erste Song, „I’m Your Gangster Of Love“, öffnet den Raum für das, was Dion ausmacht: Grooviger Blues und Midtempo-Drive. Diese unverwechselbare Stimme, rau, aber nicht brüchig, getragen von Erfahrung. Keine Effekthascherei, keine glatte Produktion, stattdessen ein Sound der atmet, mit feinen Akustikgitarren, zurückhaltender Rhythmussektion und Melodien, die sich leise ins Gedächtnis schleichen.

Einige von den 16 Songs sind fast bluesig, andere erinnern an Singer-Songwriter-Klassiker der 70er, wieder andere klingen überraschend modern. Immer bleibt es authentisch. Die Produktion betont Wärme statt Glanz, der Mix lässt Raum für jede Nuance. Die Gastauftritte von Eric Clapton, Mark Knopfler, Joe Bonamassa und Sonny Landreth geben dem Album noch mehr Tiefe und Niveau. Es ist ein Album ohne Masken, eines, das auf Wiederhörwert statt Lautstärke setzt.

Thematisch bewegt sich das Album zwischen Lebensbilanz und innerer Ruhe. Dion reflektiert über das Älterwerden, über Verantwortung und Haltung, über Glauben und Zweifel, nicht als Prediger, sondern als Musiker, der noch immer neugierig ist. In den Texten steckt Reife, in der Musik hohe Qualität und doch auch Gelassenheit.

Fazit:

The Rock ’n’ Roll Philosopher ist kein Versuch, alte Zeiten zu wiederholen, sondern ein ehrliches Spätwerk mit Haltung. Ein stilles, starkes Album, das man am besten in Ruhe hört, am Abend, mit offenem Herzen.

Albuminfo

Titel: The Rock ’n’ Roll Philosopher

Interpret: Dion

Veröffentlichung: 22.10.2025  KTBA Records

Top Tracks:  I’m Your Gangster Of Love, I Gotta Get to Heaven, The Last Time, Blues for the Soul

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 9 / 10

Christone "Kingfish" Ingram - Hard Road

Ein junger Meister auf seinem eigenen Weg

Es gibt Momente in der Musik, da spürt man förmlich, wie ein Künstler den nächsten großen Schritt macht. Christone “Kingfish” Ingram, der 26-jährige Gitarren-Virtuose aus Clarksdale, Mississippi, hat genau so einen Moment eingefangen. Mit seinem neuen Album Hard Road zieht er eine klare Linie: Hier bin ich, das ist mein Weg, und ich gehe ihn mit voller Kraft.

Schon der Opener „Truth“ gibt den Ton an. Funkige Gitarrenlicks, warme Keyboardfarben und eine autobiografische Botschaft: Kingfish will seine Wahrheit spielen jenseits von Genre-Schubladen und Erwartungen. „I don’t care what you call it, as long as it feels good“, sagt er. Treffender kann man künstlerische Freiheit kaum formulieren.

Ein Reifeschub mit Stil und Substanz

Nach den Erfolgen von 662 und Kingfish hat Ingram erneut mit Grammy-Gewinner Tom Hambridge produziert. Gemeinsam mit Hambridge und Richard Fleming entstanden die meisten Songs des Albums und sie sprühen nur so vor Energie, Reife und musikalischer Vielfalt.

Kingfish streckt seine Flügel weit aus: Funk, Soul, Hip-Hop, Pop, Jazz, er verschmilzt die Genres mit einer erstaunlichen Leichtigkeit. Dabei rückt seine Stimme stärker in den Vordergrund, ohne seine legendäre Gitarrenkunst zu vernachlässigen.

  • „Bad Like Me“ die erste Single ist ein Paradebeispiel: funky Vocal-Effekte, rasante Lyrics mit Hip-Hop-Flair und natürlich sein unverkennbarer Gitarrenton. Selbstbewusst kommentiert Kingfish: „Hey man, I really dig this. It’s a good song… no, it’s a great song.“

  • „S.S.S.“ treibt mit wuchtigen Drums und verzerrter Gitarre voran, ein echter Rock ’n’ Roll-Stampfer.

  • „Nothin’ But Your Love“ liefert einen warmen, souligen Kontrast, getragen von schlichter Perkussion und einer verführerischen Melodie.

Höhepunkte: Zwischen Funk und tiefem Blues

Das Album glänzt mit abwechslungsreichen Klangfarben:

  • „Crosses“ mit B3-Orgel, treibenden Rhythmen und ekstatischen Gitarrensoli.

  • „Voodoo Charm“, ein Gitarrenleckerbissen für Fans seines langsamen, ausdrucksstarken Spiels.

  • „Clearly“ bringt Soul und Gospel ins Spiel.„Hard to Love“ groovt fröhlich dahin und gipfelt in klassischer Kingfish-Manier.

  • Und zum Schluss: „Memphis“ – akustischer Blues in Reinkultur, mit Harp von Harrell “Rell” Davenport. (Bild: Rory Doyle CC BY-SA4) Ein würdiger Ausklang.

Die Musikerliste liest sich wie ein kleines Blues-Festival: Neben Ingram spielen u. a. Kenny Greenberg (Gitarre), Tom Hambridge (Drums), Marty Sammon (B3), Glen Worf & Tom MacDonald (Bass) und die Hambridge-Familie im Background-Chor.

Fazit

Mit Hard Road tritt Christone “Kingfish” Ingram aus dem Schatten seiner bisherigen Erfolge und stellt klar: Er ist nicht nur ein junger Blues-Gitarrist, er ist ein vielseitiger Musiker, der seinen eigenen Weg formt. Mutig, brillant und emotional aufgeladen.

Albuminfo

Titel: Help Yourself

Interpret: Christone „Kingfish“ Ingram

Veröffentlichung: 26.09.2025 Red Zero Records

Top-Tracks: Voodoo Charm, Nothin’ But Your Love, Hard to Love, Crosses

Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 9 / 10

Blood Brothers - Help Yourself

Bluesrock in Reinform – mit Gospel und Soul im Gepäck

Am 19. September 2025 erscheint mit „Help Yourself“ das zweite Studioalbum der Blood Brothers, dem Superduo Mike Zito und Albert Castiglia. Unterstützt von Scot Sutherland (Bass), Lewis Stephens (Keyboards) sowie dem Doppel-Schlagzeug Matt Johnson und Ray Hangen wurde das Album komplett live im Studio eingespielt und genau das hört man. Die Energie sprüht förmlich aus den Boxen, als stünde man mitten im Konzert.

Musikalisch verschmelzen hier traditioneller Bluesrock mit kräftigen Dosen Soul und Gospel, sowohl instrumental als auch gesanglich. Zito und Castiglia wechseln sich an den Vocals ab und liefern dabei eine Gitarrenarbeit, die direkt ins Herz und in die Tanzbeine geht.

Song-Highlights: Von funky Prophet bis honky tonk Nostalgie

  • „Can’t Be a Prophet“ groovt funky, mit stampfendem Beat und scharfem Gitarrenspiel selbstironisch über Rockstar-Egos 

  • „The Best I Can“ verführt als soulgetränkte Ballade über gebrochene Herzen und Neubeginn.

  • „Running Out of Time“ treibt die Band zu Höchstgeschwindigkeit – klassischer Storytelling-Blues, schnell, packend, mitreißend.

  • „Ol’ Victrola“ ist das absolute Highlight: eine Liebeserklärung an die alten Rock’n’Roll-Helden, untermalt von schwerem Honky Tonk-Blues.

Besonderer Kniff: In der Albummitte befindet sich das rund sechsminütige Instrumental „Soulard Serenade“, das wie eine emotionale Reise durch verschiedene Stile wirkt niemals langweilig, immer spannend.

„Help Yourself“ ist keine musikalische Revolution und genau das ist seine Stärke. Die Blood Brothers wissen genau, was sie tun: ehrlicher, tanzbarer, handgemachter Bluesrock mit Seele. Die Produktion ist klar, die Spielfreude ansteckend und es gibt keine schwachen Songs.

Albuminfo:

Titel: Help Yourself

Interpret: Blood Brothers (Mike Zito & Albert Castiglia)

Veröffentlichung: 19. September 2025

Top-Tracks: Ol’ Victrola, Can’t Be a Prophet, The Best I Can, Running Out of Time

Bewertung⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐ 9/10

Eric Gales – A Tribute to LJK

Eric Gales verneigt sich mit A Tribute to LJK vor seinem Bruder Little Jimmy King

Eric Gales gehört seit langem zu den prägenden Gitarristen des modernen Blues Rock. Mit seinem neuen Album A Tribute to LJK schlägt er ein sehr persönliches Kapitel auf: Es ist seinem 2002 verstorbenen Bruder Manuel „Little Jimmy King“ Gales gewidmet, einem hochbegabten Memphis-Gitarristen, der schon mit Albert King tourte und später die Memphis Soul Survivors anführte. Eric, das jüngste von fünf Geschwistern, veröffentlichte sein Debüt bereits mit 16 Jahren. Mit diesem Tribut holt er die Songs seines Bruders zurück ins Rampenlicht, voller Respekt, aber auch mit spürbarer Frische.

Energiegeladener Auftakt und große Gäste

Gleich der Opener „You Shouldn’t Have Left Me“ lässt keinen Zweifel: Hier wird nicht nostalgisch verweichlicht, sondern mit Drive gespielt. Ein Shuffle, der sofort ins Ohr geht und Gales’ Gitarrenlinien glänzen lässt. Besonders stark wirkt „Rockin’ Horse Ride“, bei dem Shooting-Star Christone „Kingfish“ Ingram an der Seite steht, wah-wah-getränkte Riffs und eine lockere Swing-Groove machen den Song zu einem Höhepunkt des Albums.

Mit „Don’t Wanna Go Home“ tritt Joe Bonamassa auf den Plan. Der Song lebt von einem entspannten Groove und jener Art von Gitarrendialog, die einfach Spaß macht. Dagegen zeigt „Something Inside of Me“ die leise, intensive Seite: ein langsamer Blues, in dem Gales’ Soli tief ins Herz schneiden.

Vielfalt im Blues-Rock-Gewand

„It Takes a Whole Lot of Money“ bringt Gales, Bonamassa und Josh Smith zusammen, ein Trio, das hörbar Freude am Spiel hat. Ruhiger wird es bei „Worried Man“, das die Stimmung Richtung Soul und Spätabendatmosphäre verschiebt.

Besonders eindrucksvoll endet die Platte mit „Somebody“, unterstützt von Legende Buddy Guy und Roosevelt Collier. Der akustische Beginn täuscht, bald entfaltet sich ein kraftvoller Blues, der dank Buddys unverwechselbarer Stimme eine ganz eigene Tiefe gewinnt.

Das Album lebt von Gales’ Gitarrenkunst: Soli, die immer Ausdruck bleiben und nie bloßes Fingergewitter. Die Produktion von Bonamassa und Josh Smith klingt modern und klar, ohne den Live-Charakter zu verlieren.

Als Hommage blickt A Tribute to LJK bewusst zurück und erfüllt genau diesen Zweck: die Musik von Manuel Gales ins Gedächtnis zu rufen und gleichzeitig Eric die Möglichkeit zu geben, seinem Bruder ein starkes musikalisches Denkmal zu setzen. Das Ergebnis ist leidenschaftlich, energiegeladen und berührend. Ein Werk, das sowohl die Vergangenheit ehrt als auch Gales’ eigene Karriere um ein strahlendes Kapitel erweitert.

Label: Provogue

Release: 29.08.2025

Walter Trout – Sign Of The Times

Ein wütendes Album für eine wütende Zeit

Mit seinem neuen Album Sign Of The Times legt der 74-jährige Blues-Rock-Veteran eine kraftvolle Momentaufnahme unserer zerrissenen Gegenwart vor. Es ist ein Aufschrei, ein Ventil, ein musikalischer Kommentar zur Weltlage und zugleich eine zutiefst persönliche Verarbeitung von Wut, Sorge, Hoffnung und Erinnerung.

Bereits die erste Single „Artificial“ knallt mit bissigem Humor und satirischem Blues-Groove: Ein Abgesang auf künstliche Welten, falsche Bilder und die drohende Übermacht von KI. Trout zeigt sich hier als scharfzüngiger Beobachter, aber ohne moralischen Zeigefinger. Er beschreibt, wie all das uns im Innersten trifft.

Aufgenommen in Los Angeles mit seiner bewährten Band (Michael Leasure, John Avila, Teddy „Zig Zag“ Andreadis), produziert Trout das Album selbst. Unterstützt wird er von seiner Frau Marie, die viele der Texte beisteuerte. Das Ergebnis ist eines seiner druckvollsten Werke überhaupt, mit klassischen Rock-Anleihen, emotionalen Breakdowns und sogar folkigen Zwischentönen.

Songs wie „Hurt No More“ greifen Trouts Vergangenheit mit Sucht und Krankheit auf. „I Remember“ blickt zurück auf einfache Zeiten voller Liebe und Aufbruch. „Mona Lisa Smile“ ist eine zarte Hommage an die Verletzlichkeit seiner Frau, getragen von Mandoline, Violine und Akkordeon. Der Titelsong „Sign Of The Times“ ist musikalisch experimentell und textlich kompromisslos.

Auch wenn gesellschaftliche Wut und persönliche Abgründe durchziehen, bleibt Trouts Ziel klar: Verbindung schaffen. Wenn er spielt, dann für alle, unabhängig von Herkunft, Meinung oder Vergangenheit. Die Bühne wird zum Ort echter Begegnung.

Ein Album, das weh tut, aber tröstet. Und vielleicht genau deshalb so wichtig ist.

Label: Mascot

Release: 05.09.2025

Robert Jon & The Wreck - Heartbreaks & Last Goodbyes

Klassische Zutaten, routiniert umgesetzt. Solider Southern Rock mit Groove.

Am 22. August 2025 erscheint das neunte Studioalbum von Robert Jon & The Wreck. Die Band um Frontmann Robert Jon Burrison (Gesang, Gitarre) besteht aus Andrew Espantman (Drums, Gesang), Henry James (Leadgitarre, Gesang), Warren Murrel (Bass) und Jake Abernathie (Keyboards, Gesang). Stilistisch bleibt sich die Formation treu: Südstaatenrock mit viel Groove, Gitarrenpower und mehrstimmigen Vocals.

Die ersten sieben Stücke liefern solides Southern Rock-Handwerk: radiotaugliche Country-Rocker, hymnische Balladen, lässige Riffs und Soli, die Erinnerungen an ZZ Top oder Rival Sons wecken. Auffällig sind die wuchtigen Refrains, die von der doppelten Gitarren- und dreifachen Gesangsfront leben. Dazu kommen dreckige Orgelklänge und gefühlvolle Songs wie „Highway“, die stark an das Countryradio der 90er erinnern. Alles sauber gespielt, wenn auch ohne große Überraschungen.

Starker Schlussspurt

Die eigentliche Magie liegt im Finale. Die letzten drei Songs – „I Wanna Give It“, „Heartbreak and Last Goodbye“ und „Keep Myself Clean“ – setzen die stärksten Akzente.

  • „I Wanna Give It“ wirkt wie eine gospel-inspirierte Ballade der 70er und gehört zu den Höhepunkten des Albums.

  • Der Titelsong „Heartbreak and Last Goodbye“ klingt wie ein klassischer 80er-Jahre-Radiohit – großes Balladenkino und die offensichtliche Single.

  • Mit „Keep Myself Clean“ endet die Platte nachdenklich: ein Stück über Nüchternheit und Selbstreflexion, getragen von atmosphärischen Gitarren und Keys.

Diese Schlussdrittel hebt das Album deutlich über das Mittelmaß hinaus – zeitlos, erdig, fast schon im Geiste von The Band.

Heartbreaks & Last Goodbyes erfindet den Southern Rock nicht neu, zeigt aber eine Band, die genau weiß, was sie kann und wie sie ihr Publikum mitreißt. Vor allem die letzten drei Songs sind ein starkes Argument für die Platte und beweisen, dass Robert Jon & The Wreck auch nach fast 15 Jahren Bandgeschichte eine feste Größe im Genre sind.

Parallel zum Release ist die Band auf internationaler Tour – ein Pflichttermin für alle, die auf Southern Rock mit Herz und Energie stehen.

Label: Journeyman

Release: 28.08.2025

Robert Randolph – Preacher Kids

Ein Album zwischen Gospel, Groove und Gänsehaut

2025 ist ein echtes Ausnahmejahr für den Blues-Rock und Robert Randolphs neues Album Preacher Kids, erschienen am 27. Juni, setzt dabei ein dickes Ausrufezeichen. In knapp 47 Minuten entfaltet sich ein musikalisches Kraftpaket, das gleichermaßen inspiriert, unterhält und berührt. Es ist ein Werk, das mit jedem Ton spürbar macht: Hier war jemand ganz nah dran an der Essenz des Blues.

Randolph, bekannt als Virtuose an der Pedal Steel Guitar und Grammy-nominiert in verschiedenen Genres – wagt mit Preacher Kids einen persönlichen, fast konzeptionellen Ansatz: Alle beteiligten Musiker stammen laut Randolph aus Familien mit Prediger-Eltern. Und genau das spiegelt sich auch thematisch wider: der innere Konflikt zwischen dem „braven Kirchenkind“ und dem freiheitsliebenden Rock’n’Roller inklusive Schuldgefühl beim Feiern.

Musikalisch bewegt sich das Album souverän zwischen swampigem Bluesrock, souligem Gospel, Black Keys-artigem Riff-Mystik-Blues und sogar einem gelungenen Cover von Waylon Jennings („Like to Love You Baby“). Mit dabei sind u. a. Tash Neal (Gitarre), Jay White (Gesang, Bass, Arrangement), Willie Barthel (Drums), sowie Margo Price („King Karma“) und Judith Hill („When Will The Love Rain Down“) als Gastsängerinnen.

Und das Beste, jeder einzelne Track funktioniert. Es geht von tanzbaren Stücken über große Gefühle bis zu introspektivem Jam-Feeling, das Ganze bleibt trotzdem stimmig und wie aus einem Guss. Der Song „Sinner“ setzt laut Randolph den Ton des Albums und ist ein wahres Brett mit Classic-Rock-Drums und ausgedehntem Gitarrensolo. Die stärkste Nummer ist für mich aber „When Will The Love Rain Down“, Judith Hill singt hier mit einer Intensität, die unter die Haut geht, getragen von düsterem Southern-Groove und spiritueller Tiefe.

Preacher Kids ist mehr als ein Album, es ist eine musikalische Vision zwischen Gospelkirche und Backporch-Jam, getragen von Spielfreude, handwerklichem Können und einem klaren, selbstbewussten Sound. Für mich ein ganz heißer Kandidat für das Album des Jahres. Wer Blues-Rock liebt, sollte hier dringend reinhören.

Label: ‎Pias/Sun Records

Release: 11.7.2025

Robin Trower – Come and Find Me

Robin Trower beweist mit seinem neuen Album Come and Find Me, dass er auch mit 80 Jahren nichts von seiner musikalischen Klasse eingebüßt hat. Das am 16. Mai 2025 veröffentlichte Werk knüpft nahtlos an seine charakteristische Mischung aus Blues, Soul und psychedelischem Rock an und bietet elf Tracks, die sowohl emotional als auch musikalisch überzeugen.

Trowers unverkennbarer Gitarrensound – geprägt von warmem Wah-Wah, fließenden Soli und einem Hauch von Hendrix – durchzieht das gesamte Album und wabert durch Klanglandschaften mit Tiefgang. Stücke wie „A Little Bit of Freedom“ und „Without a Trace“ thematisieren gesellschaftliche Missstände und werden durch Trowers expressive Gitarrenarbeit eindrucksvoll untermalt .

Die stimmliche Vielfalt des Albums ist außergewöhnlich. Sänger Richard Watts verleiht den Songs mit seiner rauen, souligen Stimme Tiefe und Authentizität. Besonders hervorzuheben ist „Tangled Love“, bei dem Gastsängerin Jess Hayes mit ihrer gefühlvollen Darbietung einen gelungenen Kontrast bietet.

Come and Find Me ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass Robin Trower auch nach sieben Jahrzehnten im Musikgeschäft nichts von seiner Kreativität und seinem Können verloren hat. Ein Album, das sowohl langjährige Fans als auch neue Hörer begeistern wird.

Label: Mascot

Release: 16.5.2025

Little Feat – Strike Up The Band

19 Jahre nach ihrem letzten Studioalbum melden sich Little Feat mit „Strike Up The Band“ eindrucksvoll zurück. Die Band bleibt ihrem Stil treu, mischt Southern Rock, Funk, Blues und Soul – aber mit neuem Elan. Das Ergebnis: Ein vielseitiges, lebendiges Album mit klarer Handschrift und frischer Energie.

„Strike Up the Band“ wurde in den Blackbird Studios in Nashville, Tennessee, und im Studio One Two Seven in Harlem, New York, aufgenommen. Produziert wurde das Album von Vance Powell, Bill Payne und Scott Sharrard, die Band besteht neben den langjährigen Mitgliedern aus Neuzugang Tony Leone (Drums) und Gastbeiträgen, unter anderem von Bonnie Raitt oder Larkin Poe. Das Zusammenspiel wirkt organisch, erfahren und zugleich neugierig.

Little Feat haben mit „Strike Up The Band“ ein Album abgeliefert, das mehr ist als ein Comeback. Es würdigt das Erbe der Band und geht zugleich einen mutigen Schritt nach vorne: Diese Band lebt, groovt und hat noch etwas zu sagen. Musikalisch gereift, aber alles andere als alt.

Label: Hot Tomato Productions

Release: 05.09.2025


Joe Bonamassa: Breakthrough

Joe Bonamassa schlägt ein neues Kapitel auf: Am 18. Juli erscheint sein neues Album Breakthrough – das wohl vielseitigste Werk seiner Karriere. Der Titeltrack, ab sofort auf allen Plattformen verfügbar, ist eine kraftvolle Hymne über Aufbruch und Neuanfang.

Entstanden auf Reisen durch Griechenland, Ägypten, Nashville und Los Angeles, verbindet Breakthrough klassischen Bluesrock mit Funk, Texas Swing und akustischen Balladen. Produziert von Kevin Shirley, legt das Album mehr Gewicht auf starke Songs, ohne auf Bonamassas markante Gitarrensoli zu verzichten.

Die Single Breakthrough, geschrieben mit Tom Hambridge, bringt den neuen Spirit auf den Punkt: rau, emotional und voller Energie. Auch die Vorboten Still Walking With Me und Shake This Ground zeigten bereits die neue Bandbreite seines Sounds.

Parallel startet Bonamassa eine große Europa-Tour, gefolgt von Konzerten mit seiner Supergroup Black Country Communion und einer exklusiven US-Sommer-Tour 2025.Mit über 50 Alben und 28 Nummer-1-Platzierungen bleibt Bonamassa ein prägender Innovator des modernen Bluesrock.


Kustan Adam: Pretty Black Suit

Der junge ungarische Bluesrocker Kustan Adam legt mit Pretty Black Suit sein neues Album vor. Nach seinem Debüt I Ain’t Got a Car und etlichen Tourjahren zeigt er auf acht selbstgeschriebenen Songs seine Weiterentwicklung als Musiker und Songwriter.

Sein Sound bleibt dabei tief im klassischen Blues und ’60s Rock verwurzelt, verfeinert mit einer Prise Soul. Schon der Opener Little Blue Man macht mit fuzzigem Gitarrenriff und treibendem Groove klar, wo es langgeht. Mal funky (We Were Born), mal melancholisch (Young Boy), aber immer leidenschaftlich: Adam wechselt gekonnt die Stimmungen. Besonders stark sind Songs wie Travelin’ Man mit eingängigen Backing Vocals und der Titeltrack Pretty Black Suit, bei dem eine sanfte Trompete für besondere Atmosphäre sorgt.

Mit Pretty Black Suit beweist Kustan Adam, dass in ihm ein großes Talent schlummert – das Beste dürfte erst noch kommen.

Matt Schofield: Many Moons Vol. 1

Der britische Ausnahmegitarrist Matt Schofield liefert mit Many Moons Vol. 1 ein echtes Meisterstück ab. Nach 20 Jahren auf der Bühne kehrt er zurück zur Originalbesetzung mit Jonny Henderson (Hammond-Orgel) und Evan Jenkins (Drums). Eingespielt im legendären Real World Studio von Peter Gabriel, bietet das Album puren, ehrlichen Blues – live und unverfälscht eingefangen.

Vom druckvollen Opener Can’t Catch My Breath bis zu groovigen Tracks wie Do Me Right und gefühlvollen Slow Blues-Nummern wie Any Questions zeigt Schofield seine ganze Klasse als Gitarrist und Songwriter. Neben eigenen Songs interpretiert er auch Klassiker wie Danger Zone (Percy Mayfield) neu.

Many Moons Vol. 1 ist mehr als eine Werkschau – es ist der Beweis, dass Matt Schofield zu den ganz Großen der modernen Blues-Szene gehört. Volume 2 ist übrigens schon in Arbeit.