Trumps Prätorianergarde - Wie ICE demokratische Städte terrorisiert

ICE-Agent einsatzbereit im Kampfanzug. Bild:Paul Goyette, No More Deportations protest at the Broadview ICE facility, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

4.Dezember 2025. Mehrere hundert ICE-Agenten kommen in die „Twin Cities“ Minneapolis und St.Paul.

6.Januar 2026. ICE schickt weitere 2.000 Agenten in die Twin Cities als „größte Immigration-Enforcement-Operation aller Zeiten“.

Ende Januar 2026. Mittlerweile beträgt die aktuelle Stärke 3.000+ Agenten (2.000 ICE + 1.000 CBP/Border Patrol)

Es kommt zu über 3000 Festnahmen und Massenabschiebungen. Die Begründung des Einsatzes wird mit Sozialbetrug im großen Stil durch somalische Banden und einem massiven Kriminalitätsproblem angegeben. Das teils brutale Vorgehen der Agenten gegen die Migranten wird vom Weissen Haus mit dem Kampf gegen die „Worst of the Worst“ (Mörder, Räuber, Vergewaltiger) gerechtfertigt.

Minneapolis, 7.Januar 2026. Renée Good, weiss, US Bürgerin, Mutter von 3 Kindern, wird von einem ICE-Agenten erschossen. ICE-Agent Jonathan Ross schießt dreimal durch die Frontscheibe. Goods Auto stand quer auf der Einbahnstraße. Sie dreht kurz vorher das Lenkrad nach rechts, weg von ihm.

Minneapolis, 24.Januar 2026. Alex Pretti, weiss, US Bürger, Intensivpfleger wird von 2 ICE-Agenten erschossen. Er filmt mit seinem Handy eine ICE Razzia auf offener Straße. Keine Bedrohung, keine Waffe, keine Gewalt von seiner Seite. Sekunden später wird er von sechs Einwanderungsbeamten zu Boden gebracht, bäuchlings fixiert und in den Rücken geschossen. Bis zu zehn Mal.

Alex Pretti ist der zweite US Bürger, der innerhalb eines Monats in Minneapolis von ICE Beamten getötet wird. Es gibt keine Anklage. Keine Suspendierung. Keine persönliche Konsequenz. Nach dem Tod von Alex Pretti erklärt Trump öffentlich, das Vorgehen sei „notwendig zur Abwehr von Bedrohungen“. Die Opfer werden als „inländische Terroristen“ diffamiert, die Agenten hätten sich nur verteidigt. Das FBI übernimmt die Untersuchung. Die lokale Polizei wird ausgeschlossen.

Willkommen bei ICE, Trumps Prätorianergarde, eine Behörde ohne Korrektiv

ICE ist formal eine zivile Behörde. Genau das macht sie so gefährlich. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte, Helme mit Visier, Schutzschilde, Körperpanzer, militärische Technik. Was auf den ersten Blick wie eine Anti-Terror-Einheit wirkt, ist in Wahrheit Teil des amerikanischen Einwanderungssystems. ICE, die Immigration and Customs Enforcement, tritt seit Jahren immer häufiger wie eine paramilitärische Truppe auf. Nicht an der Grenze, sondern mitten in Städten, Wohnvierteln und vor Haftanstalten. Anders als das Militär unterliegt sie weder dem Posse Comitatus Act noch einer echten parlamentarischen Kontrolle. Sie operiert im Inland, bewaffnet, mit Zugriff auf Haftzentren, Datenbanken und lokale Polizeistrukturen.

ICE wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gegründet. Offiziell sollte die Behörde Einwanderungsrecht durchsetzen und die nationale Sicherheit stärken. Was daraus geworden ist, hat mit Verwaltung kaum noch etwas zu tun. Razzien im Morgengrauen, Festnahmen ohne Vorwarnung, Trennungen von Familien, Einsätze mit militärischer Ausrüstung. Besonders unter der Trump-Regierung wurde ICE gezielt ausgebaut und politisch aufgeladen. Abschreckung wurde zur Strategie. Angst zum Werkzeug. Gewalt zur stillschweigenden Option. Dabei trifft es nicht nur sogenannte „illegale Einwanderer“. Auch Menschen mit laufenden Asylverfahren, mit Duldungen oder jahrelangem Aufenthalt geraten ins Visier. Der Rechtsstaat wird flexibel ausgelegt, wenn es politisch passt.

Wer diese Gewalt ausführt

Seit April 2025 ist ICE faktisch direkt dem Weißen Haus unterstellt. Executive Order 14287 hat die Behörde in ein Instrument für Massenabschiebungen verwandelt. Politisch gesteuert, strategisch eingesetzt, ideologisch aufgeladen. Die Befehlskette ist klar und kurz. Director Todd Lyons untersteht direkt Kristi Noem, Secretary of Homeland Security, die auch manchmal Razzien persönlich leitet. Sie wiederum dem Präsidenten. Jeder weiß, woher die Befehle kommen. Und wofür. Die Einsatzkräfte kommen aus unterschiedlichsten Richtungen. Ehemalige Polizisten. Veteranen. Zunehmend auch Quereinsteiger ohne Sprachkenntnisse oder Migrationserfahrung. Teile der National Guard werden eingebunden. Innerhalb von sechs Wochen wurden 12.000 neue Kräfte rekrutiert und in Crashkursen ausgebildet. Früher dauerte diese Ausbildung mehrere Monate. Die Folgen sind dokumentiert. Türen werden aufgebrochen. Autoscheiben eingeschlagen. Menschen gewürgt, obwohl diese Technik offiziell verboten ist. 2025 verzeichnet ICE einen Höchststand an Todesfällen in Haft. Gleichzeitig fließen enorme Mittel. 76,5 Milliarden Dollar über fünf Jahre. Einstellungsprämien von bis zu 50.000 Dollar. Neue Waffen, Taser, Sturmgewehre, chemische Reizstoffe. ICE wird nicht gebremst. ICE wird aufgerüstet.

Das ist kein Kontrollversagen, das ist gewollt. Das Ziel ist auffällig klar. Demokratisch regierte Städte, die sogenannten Blue Cities.

Blue Cities als Feindbild

Los Angeles, New York, Chicago, Seattle, Minneapolis.
Hier konzentrieren sich die Einsätze. Hier eskaliert die Gewalt. Trump nennt diese Städte öffentlich „Epizentren der Macht der Demokraten“. Das ist keine Rhetorik. Das ist Einsatzplanung. Sanctuary Cities verlieren Fördermittel. Kommunale Polizeien werden unter Druck gesetzt, mit ICE zu kooperieren. Wer sich weigert, riskiert finanzielle Strafen. Republikanisch regierte Landkreise bleiben weitgehend verschont. Dass es dagegen Widerstand gibt, ist folgerichtig. In Chicago, New York, Los Angeles und vielen anderen Städten protestieren Initiativen, Kirchen, Bürgerrechtsgruppen und Nachbarschaften gegen ICE-Einsätze. Sie dokumentieren Verhaftungen, stellen sich Abschiebungen entgegen und machen alles öffentlich. Die Reaktion der Behörden ist bemerkenswert. Statt Deeskalation setzt man auf Präsenz. Statt Dialog auf Abschottung. Proteste werden nicht als demokratisches Recht behandelt, sondern als Sicherheitsproblem.

Das alles passiert nicht im Verborgenen. Es passiert demonstrativ.

Ein Staat gegen seine eigenen Städte

ICE agiert heute wie eine exekutive Kampftruppe. Nicht zur Durchsetzung von Recht, sondern zur Durchsetzung von Macht. ICE-Gewalt ist nicht immer spektakulär. Sie passiert nicht immer vor laufenden Kameras. Sie äußert sich in körperlicher Härte, in psychischem Druck, in der ständigen Drohung, alles zu verlieren. Wohnung, Arbeit, Familie, Zukunft. Proteste werden kriminalisiert. Beobachter eingeschüchtert. Dokumentation verhindert. Viele Fälle verschwinden in Statistiken oder werden gar nicht erfasst. Interne Untersuchungen verlaufen im Sand, Medien und Journalisten werden behindert, juristische Konsequenzen sind selten. Die Betroffenen haben kaum Mittel, sich zu wehren. Was hier passiert, ist keine Randnotiz der Migrationspolitik. Es ist ein Stresstest für die Demokratie. Wenn eine Regierung bewaffnete Behörden gezielt gegen politische Gegner einsetzt, dann ist das kein Rechtsstaat mehr.

Warum das auch uns angeht

Man kann das alles als ein amerikanisches Problem abtun, aber das wäre bequem und wäre falsch. Die Normalisierung von Härte, die Militarisierung von Behörden, die politische Instrumentalisierung von Angst sind keine US-Spezialität. Sie sind ein globales Muster. Der Staat demonstriert Macht. Nicht, weil er angegriffen wird, sondern weil er es kann. Staatliche Gewalt ist nicht erst dann ein Problem, wenn sie eskaliert, sondern schon dann, wenn sie systematisch eingesetzt wird. Was heute bei ICE sichtbar wird, kann morgen anderswo Schule machen. Auch in Demokratien. Auch bei uns in Europa. Darüber zu sprechen ist kein Aktivismus, sondern Bürgerpflicht. Wegsehen macht es nur einfacher.

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