China auf Fischfang rund um den Globus - Wie eine Mega-Flotte die Meere leerfischt

China ist Exportweltmeister, Industriegigant, Klimaschlüsselstaat. Und längst auch das: die größte Fischereimacht der Welt. Was in Statistiken nüchtern klingt, hat sehr konkrete Folgen. Für Fischbestände, für Küstenstaaten in Afrika, Asien und Lateinamerika und für Millionen Menschen, deren Existenz vom Meer abhängt.

Ein neuer Bericht des Overseas Development Institute (ODI) wirft einen ungewöhnlich detaillierten Blick auf Chinas Hochseeflotte. Und er zeichnet ein Bild, das weit über das hinausgeht, was offizielle Zahlen bisher nahegelegt haben.

Wenn vor der eigenen Haustür nichts mehr zu holen ist

Seit den 1980er-Jahren hat China seine Fischerei massiv ausgebaut. Getrieben von wachsender Nachfrage im eigenen Land, staatlichen Subventionen und immer leistungsfähigeren Schiffen. Der Preis dafür wurde zuerst vor der eigenen Küste bezahlt. Viele Fischbestände in chinesischen Küstengewässern gelten heute als übernutzt oder kollabiert. Die Meere sind leergefischt, die Erträge sinken. Die logische, aber fatale Konsequenz: Man fährt weiter hinaus. „Distant-water fishing“ bezeichnet die Fischerei außerhalb der eigenen 200-Seemeilen-Zone, also in fremden Wirtschaftsgebieten oder auf Hoher See. Gerade ärmere Länder, die dringend Einnahmen brauchen, schließen Fangabkommen oft unter schlechten Bedingungen ab. Häufig fehlen verlässliche Daten, effektive Kontrollen oder schlicht die politische Macht, große Industriefischereien in die Schranken zu weisen.

Eine Flotte von unerwarteter Größe

Offiziell spricht China von 2.000 bis 3.400 Hochsee-Fangschiffen. Der ODI-Bericht kommt zu einer drastisch anderen Einschätzung. Die Autor:innen identifizieren 16.966 chinesische Hochsee-Fischereifahrzeuge. Allein in den Jahren 2017 und 2018 wurden 12.490 Schiffe per AIS-Signal außerhalb der chinesischen Wirtschaftszone geortet. Also genau dort, wo Hochseefischerei beginnt. Damit ist die chinesische Flotte nicht nur die größte der Welt. Sie sprengt bisherige Größenordnungen. Ein Blick auf die Typen zeigt, warum das relevant ist. In einer Stichprobe von rund 4.800 Schiffen waren etwa 38 Prozent Trawler, gut 20 Prozent Langleinen-Fischer und rund 13 Prozent Tintenfischfänger. Besonders die Trawler gelten als ökologisch problematisch. Sie ziehen schwere Netze knapp über den Meeresboden, zerstören Lebensräume und hinterlassen Schäden, die sich oft erst nach Jahrzehnten erholen.

Fischerei ohne Grenzen

Die Daten zeichnen ein globales Bild. Chinesische Schiffe sind im Nordwestpazifik vor Japan und Südkorea unterwegs, aber auch weit entfernt von der Heimat. Besonders intensiv wird im Südostpazifik vor Südamerika und im Südwestatlantik gefischt. Auffällig ist der Boom der Tintenfisch-Fischerei. Riesige, nachts grell beleuchtete Fangflotten operieren dort oft wochenlang außerhalb nationaler Kontrollzonen in Regionen, in denen Überwachung teuer, schwierig und politisch heikel ist. Die Flotten sind inzwischen so groß, dass sie sogar aus dem Weltraum sichtbar sind.

Erstmals Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre beobachtet, erscheint etwa 322 bis 483 km vor der Küste Argentiniens im Südatlantik regelmäßig eine Lichterstadt, wie die 2012 erstellte Kompositaufnahme (links) zeigt. Sie basiert auf Daten des VIIRS-Sensors an Bord des Suomi-NPP-Satelliten. Dort gibt es weder menschliche Siedlungen noch Feuer oder Gasquellen. Dafür aber zahlreiche Fischerboote. Tintenfischfischer bestücken ihre Boote mit hellen Lichtern, um nachts Beute in ihre Netze zu locken. Die Boote konzentrieren sich vor der Küste entlang unsichtbarer Linien: dem Unterwasserrand des Kontinentalschelfs, dem nährstoffreichen Falklandstrom und den Grenzen der ausschließlichen Wirtschaftszonen Argentiniens und der Falklandinseln. Die Karten rechts zeigen die Positionen der Fischerboote in neun aufeinanderfolgenden Nächten vom 17. bis 25. April 2012. Auch diese Aufnahmen wurden mit VIIRS auf Suomi NPP erstellt. Auch wenn sie hier nicht explizit dargestellt sind, spielen weitere Schiffe eine Rolle: Neben den Fischerbooten sorgen große Kühl- und Treibstoffschiffe dafür, dass die Betreiber auf langen Strecken arbeiten können, ohne in einen Hafen zurückkehren zu müssen. Satellitenbilder wie diese ermöglichen es Wissenschaftlern, die Fischerei in internationalen Gewässern besser zu verstehen und zu bewirtschaften; so können sie beispielsweise die wöchentlichen Fangmengen verschiedener Arten abschätzen.

Bild: NASA Scientific Visualization Studio – „Something Fishy in the Atlantic Night—South Atlantic Ocean“. Quelle: https://svs.gsfc.nasa.gov/31126/

Verschachtelte Firmen, fremde Flaggen

Ein Großteil der Flotte fährt offiziell unter chinesischer Flagge. Doch der Bericht zeigt, wie verbreitet Umgehungskonstruktionen sind. Mindestens 927 Schiffe mit chinesischen Eigentümern oder Betreibern fahren unter fremder Flagge, davon 518 unter afrikanischen. Beliebte Flaggenstaaten sind Länder wie Ghana oder Mauretanien. Dort dürfen eigentlich nur einheimische Schiffe fischen. In der Praxis werden Joint Ventures gegründet oder Strohfirma-Konstrukte genutzt, sodass ein Trawler offiziell als „lokal“ gilt, wirtschaftlich aber in chinesischer Hand bleibt. Viele dieser Firmen teilen sich Adressen, Briefkästen oder Managementstrukturen. Zuständigkeiten verschwimmen, Verantwortung verdampft. Zu den größten Akteuren gehören staatliche und halbstaatliche Konzerne. Die China National Fisheries Corporation betreibt laut Bericht 257 Schiffe, die Poly Group, ein Mischkonzern mit Rüstungs- und Rohstoffinteressen, 128. Hochseefischerei ist damit kein Randgeschäft, sondern Teil geopolitisch relevanter Industrien.

Illegale Fischerei als Systemproblem

Illegal, unreported and unregulated fishing, kurz IUU, ist eines der größten Probleme der globalen Meeresnutzung. Der ODI-Bericht identifiziert mindestens 183 chinesische Hochseeschiffe, die mit IUU-Aktivitäten in Verbindung stehen. Fast die Hälfte davon fährt unter fremder Flagge. Typische Muster sind Fang in Schutzgebieten, falsche oder fehlende Fangmeldungen und das Umladen von Fängen auf Kühlschiffe auf Hoher See. Dieses sogenannte Transshipment verschleiert Herkunft und Verantwortung und macht Kontrollen fast unmöglich. Gerade vor Westafrika wurden wiederholt chinesische Trawler dokumentiert, die in Küstenzonen fischen, die eigentlich der handwerklichen Fischerei vorbehalten sind oder verbotene Methoden einsetzen.

Was das für Küstenstaaten bedeutet

Für viele Länder ist Fisch keine Delikatesse, sondern Lebensgrundlage. Er liefert Protein, Einkommen und soziale Stabilität. Wenn industrielle Flotten die Bestände abschöpfen, bleiben für lokale Fischer leere Netze. Studien zeigen, dass in einigen westafrikanischen Staaten bis zu 84 Prozent des industriellen Fischereiaufwands in ihren Wirtschaftsgebieten von ausländischen Schiffen stammt. Die wirtschaftlichen Schäden durch illegale und übermäßige Industriefischerei gehen in die Milliarden. Hunderttausende Arbeitsplätze im lokalen Sektor sind bedroht. Das ist nicht nur ein Umweltproblem. Es geht um Ernährungssicherheit, soziale Stabilität und politische Abhängigkeiten.

Chinas Schlüsselrolle

China ist heute der größte Fischproduzent der Welt, fängt rund 20 Prozent der globalen Meeresfischmenge und konsumiert fast 40 Prozent der weltweiten Fischproduktion. Ein wesentlicher Treiber sind staatliche Subventionen. Schätzungen zufolge stammt fast die Hälfte der weltweiten Fischerei-Subventionen aus China, vor allem in Form von Dieselzuschüssen und Steuererleichterungen. Ohne diese Hilfen wäre ein Großteil der fernen Hochseefischerei wirtschaftlich kaum tragfähig. Offiziell verfolgt Peking einen anderen Kurs. Begrenzung der Flotte, härtere Strafen gegen IUU-Fischerei, bessere Meldepflichten. Der ODI-Bericht kommt dennoch zu einem ernüchternden Fazit: Zwischen Anspruch und Realität klafft eine deutliche Lücke. Gerade deshalb ist China der entscheidende Akteur. Würde die größte Flotte der Welt konsequent umsteuern, hätte das globale Wirkung.

Was sich ändern müsste

Die Empfehlungen des Berichts gehen über China hinaus. Transparente Register aller Fangschiffe, konsequente Hafenstaatkontrollen, ein Umbau von Subventionen hin zu nachhaltiger Fischerei und eine echte Stärkung der Küstenstaaten durch Technik, Überwachung und Kooperation.

Solange kurzfristige Profite schwerer wiegen als gesunde Meere, zahlen am Ende jene den Preis, die am wenigsten vom Geschäft profitieren.

Quelle: Overseas Development Institute (ODI): China’s distant-water fishing fleet: Scale, impact and governance, Juni 2020, lizenziert unter Creative Commons CC BY-NC-ND 4.0.

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