Quagga-Muschel: Die Invasion der unscheinbaren Muschel zerstört die Nahrungsnetze in Seen
Die Meldung wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz: „Quagga-Muscheln dezimieren Nahrungsnetze in der Schweiz, haben die Großen Seen in Nordamerika umgekrempelt und wurden nun erstmals in Nordirland nachgewiesen.“ Dahinter verbirgt sich jedoch eine globale ökologische Störung, deren praktisch irreversible Konsequenzen und immense Kosten, Trinkwasserversorger, Fischerei, Tourismus und ganze Regionen noch jahrzehntelang beschäftigen werden.
Ein Einwanderer aus dem Schwarzmeerraum
Quagga-Muscheln (Dreissena rostriformis bugensis) stammen ursprünglich aus dem Ponto-Kaspischen Raum rund um Schwarzes und Kaspisches Meer. Über Ballastwasser von Schiffen gelangten sie zunächst nach Westeuropa und Nordamerika, wo sie sich seit den 1980er- und 1990er‑Jahren unbemerkt etablierten.
Oft werden sie zu Unrecht mit der bekannteren Zebra-Muschel verwechselt. Quagga-Muscheln können kälteres Wasser, größere Tiefen und geringere Sauerstoff- sowie Nährstoffkonzentrationen tolerieren, was sie in tiefen Seen zur überlegenen Konkurrentin macht. In mehreren Gewässersystemen verdrängen sie inzwischen die Zebra-Muschel fast vollständig.
Wie Quagga-Muscheln Nahrungsnetze kippen
Das Erfolgsgeheimnis der Quagga-Muschel ist biologisch simpel und ökologisch fatal. Als extrem effiziente Filtrierer pumpen sie permanent Wasser durch ihren Körper und filtern dabei Phytoplankton, also mikroskopisch kleine Algen, aus dem Freiwasser. Genau dieses Phytoplankton ist jedoch die Basis des Nahrungsnetzes vieler Seen.
Weniger Phytoplankton im Wasser bedeutet weniger Nahrung für Zooplankton, das wiederum Jungfischen und anderen Organismen als Futter dient.
Gleichzeitig lagern sich Nährstoffe vermehrt am Boden ab, und das Wasser wird optisch klarer, ein trügerisches Zeichen vermeintlicher „Sauberkeit“.
In den Großen Seen wurde parallel zur Ausbreitung der Quagga-Muschel der Zusammenbruch wichtiger benthischer Kleinkrebs-Bestände wie Diporeia dokumentiert, was ganze Nahrungsnetze bis hin zu kommerziell genutzten Fischarten belastet.
Diese Kombination aus „Wasser klären“, Nährstoffe umlenken und Basisorganismen dezimieren führt dazu, dass Seen zwar transparenter erscheinen, biologisch aber verarmen. In Nordamerika wird heute von einem fundamental veränderten Ökosystem der Großen Seen gesprochen, mit Quagga-Muscheln als einem der wichtigsten Treiber.
Schweiz: Wenn Trinkwasserseen zum Muschel-Hotspot werden
In der Schweiz wurden Quagga-Muscheln 2014 erstmals im Rhein bei Basel nachgewiesen. Seither haben sie sich in großen Flüssen und zahlreichen Voralpenseen ausgebreitet, darunter Bodensee, Genfersee, Neuenburgersee, Bielersee, Murtensee, Hongrin sowie neuerdings auch Zürichsee, Zugersee und Alpnachersee.
Ein internationales Forschungsteam hat anhand von Langzeitdaten aus den nordamerikanischen Großen Seen prognostiziert, wie sich die Bestände in Schweizer Seen entwickeln könnten. Das Ergebnis ist alarmierend: In Seen wie Genfersee, Bielersee und Bodensee dürfte die Biomasse der Quagga-Muscheln bis Mitte der 2040er‑Jahre um das 9‑ bis 22‑Fache zunehmen und zwar bis in Tiefen von 200 bis 250 Metern.
Diese Entwicklung hat gleich mehrere Konsequenzen:
Ökologisch droht eine tiefgreifende Verschiebung der Nahrungsnetze, wie sie aus den Großen Seen bekannt ist, inklusive potenzieller Auswirkungen auf Fischbestände.
Technisch und wirtschaftlich machen Quagga-Muscheln den Trinkwasserversorgern zu schaffen: Sie besiedeln Leitungen, Filter, Pumpen und Kühlwasser-Systeme und verursachen teure Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten. Am Genfer See ist die komplette Rohrleitungs-Infrastruktur für die anliegenden Städte und Gemeinden bedroht.
Für kleinere Gewässer wie den Türlersee wurden daher strikte Schutzmaßnahmen und Reinigungsregeln für Boote und Wasserfahrzeuge eingeführt, um eine Einschleppung möglichst zu verhindern.
Besonders brisant: Ist die Quagga-Muschel in einem See erst einmal etabliert, gilt sie als praktisch nicht mehr eliminierbar. Maßnahmen können dann nur noch darauf abzielen, Schäden zu begrenzen und eine weitere Verbreitung zu verlangsamen.
Die Großen Seen: Ein Blick in die Zukunft
Wer wissen möchte, wie Schweizer Seen in einigen Jahrzehnten aussehen könnten, muss nur in die Großen Seen Nordamerikas schauen. Dort haben Quagga- und Zebra-Muscheln seit den 1990er‑Jahren die Ökosysteme tiefgreifend verändert.
In Süd-Lake-Michigan etwa zeigen Messungen, dass Quagga-Muscheln im Frühjahr massive Mengen Phytoplankton aus dem Wasser filtern, wodurch die Primärproduktion stark sinkt. Parallel dazu brach der Bestand des bodenlebenden Kleinkrebses Diporeia innerhalb von 15 Jahren von durchschnittlich rund 5.200 Organismen pro Quadratmeter auf nur noch 82 ein. Für Fische, die auf diese Nahrungsquelle angewiesen sind, bedeutet das eine dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen.
Die Folgen sind:
Rückgänge bei wichtigen Fischarten, etwa beim kommerziell bedeutenden Lake Whitefish, dessen Ernährungsgrundlage und Gesundheitszustand sich verschlechtert haben.
Zunahme von Problem-Algen entlang der Ufer, weil die veränderte Nährstoffdynamik und höhere Lichtdurchlässigkeit das Wachstum bodennaher Algen begünstigen.
Wirtschaftliche Schäden für Fischerei und Tourismus, wenn Fangquoten sinken und Algenblüten Strände und Badestellen unattraktiv machen.
Die Großen Seen zeigen damit sehr deutlich, dass es bei Quagga-Muscheln nicht um ein lokales Detailproblem geht, sondern um die langfristige Neuorganisation ganzer Ökosysteme.
Nordirland: Der jüngste Alarmruf
Im Dezember 2025 meldete das nordirische Umweltministerium (DAERA) den ersten bestätigten Nachweis von Quagga-Muscheln in Nordirland. Proben aus dem Lower Lough Erne wurden im Labor per DNA-Analyse untersucht und eindeutig der Art Dreissena rostriformis bugensis zugeordnet.
Besonders besorgniserregend ist der Standort: Lower Lough Erne ist Teil eines eng vernetzten Gewässersystems, das über den Shannon–Erne‑Korridor mit anderen Seen und Flüssen verbunden ist. Behörden gehen davon aus, dass die Invasion mit bereits bekannten Vorkommen im Shannon-System zusammenhängt und Quagga-Muscheln möglicherweise schon in weiteren, bisher unauffälligen Gewässern vorkommen.
DAERA warnt ausdrücklich vor erheblichen ökologischen und wirtschaftlichen Folgen:
Veränderung der Nahrungsnetze und Konkurrenz für einheimische Muschel- und Wirbellosenarten.
Bewuchs von technischer Infrastruktur wie Wasserentnahmen, Booten und Steganlagen.
Zusätzlicher Stress für ohnehin belastete Seen, etwa durch Nährstoffeinträge oder andere invasive Arten.
Die Botschaft der Behörden ist klar: Die Region stehe noch am Anfang dessen, was in der Schweiz und in den Großen Seen bereits Realität ist.
Was jetzt zu tun wäre
Weil etablierte Quagga-Populationen kaum mehr zu entfernen sind, konzentrieren sich Fachleute auf Prävention und Eindämmung. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Hebel:
Biosecurity: Strenge „Check‑Clean‑Dry“-Regeln für Boote, Angel- und Wassersportausrüstung, um angeheftete Muscheln oder Larven (Veliger) nicht in neue Gewässer zu verschleppen.
Monitoring: Regelmäßige Probenahmen, inklusive DNA‑basierter Methoden, um neue Vorkommen früh zu erkennen und Management-Maßnahmen gezielt ausrichten zu können.
Infrastruktur-Anpassung: Technische Lösungen zur Reduktion von Bewuchs in Leitungen und Anlagen, kombiniert mit planbaren Reinigungsintervallen, um Kosten und Ausfallzeiten zu begrenzen.
Für die Öffentlichkeit wirkt der See mit Quagga-Muscheln oft „gesünder“, weil das Wasser klarer erscheint. Doch unter der Oberfläche laufen massiv veränderte Stoffkreisläufe und Nahrungsnetze ab. Quagga-Muscheln sind damit ein Lehrstück dafür, wie klein ein Auslöser sein kann, der großräumige Ökosysteme ins Wanken bringt und wie teuer es wird, wenn Prävention zu spät kommt.
Quellen (Schweiz)
Eawag-Dossier „Die invasive Quaggamuschel“ (Grundinfos, Monitoring, FAQs):
https://www.eawag.ch/de/info/portal/themen-im-fokus/quaggamuscheleawag+1Eawag/Seewandel – Prognose für betroffene Seen (Biomasse 9–22‑fach, Tiefen >200 m):
PDF „Quagga mussel: prognosis for affected lakes“
https://seewandel.org/wp-content/uploads/2023/11/20231116_Media.release_Quagga.mussel_prognosis.for_.affected.lakes_.pdfseewandelProjektseite „Eawag Quagga Mussel Competence Center“:
https://www.eawag.ch/en/department/eco/projects/eawag-quagga-mussel-competence-centereawag+1
Quellen zu den Großen Seen (Nordamerika)
NOAA / Great Lakes Environmental Research Laboratory – Fact Sheet „Dramatically Changing the Great Lakes Ecosystem“:
https://invasivemusselcollaborative.net/wp-content/uploads/2018/11/NOAA-QM-Fact-Sheet.pdfinvasivemusselcollaborativeHintergrundartikel „30 Years Later: Mussel invasion legacy reaches far beyond Great Lakes“:
https://www.greatlakesnow.org/2021/02/invasive-mussels-legacy-beyond-great-lakesgreatlakesnowNOAA NCCOS – „Assessing Pollution in the Great Lakes Through Quagga Mussel Analysis“:
https://coastalscience.noaa.gov/news/assessing-pollution-in-the-great-lakes-through-quagga-mussel-analysiscoastalscience.noaa
Quellen Nordirland / Irland
DAERA – Erstnachweis in Lower Lough Erne (offizielle Meldung):
https://www.daera-ni.gov.uk/news/daera-urges-greater-vigilance-quagga-mussel-confirmed-lower-lough-erne-first-confirmed-record-n…daera-niBBC – „Quagga mussel: Invasive species detected in NI for first time“:
https://www.bbc.com/news/articles/cx25gjvk72zobbc