Elektroautos als Stromspeicher: Wie V2G die Energiewende beschleunigen kann
Elektroautos gelten längst als Symbol der Verkehrswende. Doch ihr Potenzial reicht weit über den Straßenverkehr hinaus. Ihre Batterien könnten in Zukunft eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung unserer Stromnetze spielen. Das Konzept dahinter heißt Vehicle-to-Grid (V2G): das Auto lädt nicht nur Strom, sondern gibt ihn bei Bedarf auch wieder ab.
Vom Verbraucher zum Teil des Netzes
Heute fließt der Strom bei E-Autos in eine Richtung, von der Steckdose zur Batterie. Künftig soll dieser Kreislauf bidirektional werden. Fahrzeuge, die zu Hause, auf Parkplätzen oder am Arbeitsplatz angeschlossen sind, könnten dann Energie ins Netz zurückspeisen, wenn sie nicht gebraucht werden. Das Auto wird damit zum mobilen Stromspeicher. Millionen Fahrzeuge zusammen bilden einen gigantischen, virtuellen, dezentralen Energiespeicher, der flexibel auf Knopfdruck kurzfristig Leistung bereitstellen und Schwankungen im Stromnetz ausgleichen kann.
Warum das wichtig ist
Die Energiewende hängt nicht nur von der Erzeugung erneuerbarer Energie ab, sondern auch davon, ob diese im richtigen Moment verfügbar ist. Solarstrom entsteht vor allem tagsüber. Der Stromverbrauch dagegen steigt abends, wenn die Sonne längst untergegangen ist. Hier kommt V2G ins Spiel. Wenn tagsüber überschüssiger Solarstrom in Millionen Autobatterien fließt, steht er nachts wieder zur Verfügung. Das stabilisiert das Netz, reduziert den Bedarf an zusätzlichen Großspeichern und senkt langfristig sogar die Strompreise.
Technisch machbar, neuer Schub durch Gesetzesänderung ab 2026
Die Technologie ist grundsätzlich bereit. Einige Modelle – etwa von Nissan, Hyundai und Volkswagen – sind bereits technisch in der Lage, bidirektional zu laden. Auch Ladegeräte und Smart-Grid-Systeme existieren. Was noch fehlte, sind einheitliche Standards, rechtliche Rahmenbedingungen und ökonomische Anreize, doch das soll sich nun ändern. Wer Strom zurückspeist, soll dafür fair vergütet werden. Bisher war V2G in Deutschland wirtschaftlich unattraktiv, weil für gespeicherten und wieder eingespeisten Strom doppelt Netzentgelte anfielen. Der Bundestag hat Mitte November das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) geändert und diese Doppelbelastung für Stromspeicher ab 2026 abgeschafft. Damit werden Elektroautos regulatorisch wie stationäre Großspeicher behandelt, was die Vermarktung von Flexibilität auf Strommärkten deutlich erleichtert. Ergänzend setzt die Bundesnetzagentur ab 1. April 2026 neue MiSpeL-Regeln um, die Mess- und Abrechnungsprozesse vereinfachen und V2G ohne zusätzlichen Zähler ermöglichen. Erste Pilotprojekte in Deutschland, Dänemark und Japan zeigen, dass sich V2G wirtschaftlich lohnen kann, wenn Netzbetreiber und Fahrzeughalter an einem Strang ziehen.
Französisches Vorbild: E-Auto fahren fast ohne Stromkosten
Frankreich zeigt bereits, wie das Geschäftsmodell im Alltag funktionieren kann. Dort wurden für den Markthochlauf Ausnahmeregelungen geschaffen, die die doppelten Netzentgelte für bidirektionales Laden abschaffen und sogar steuerliche Vorteile für zurückgespeisten Strom gewähren.
Renault, Mobilize und The Mobility House vermarkten in Frankreich ein kommerzielles V2G-Angebot, bei dem Kunden mit einem Renault 5 und einer bidirektionalen AC-Ladestation über einen passenden Energievertrag praktisch kostenlos laden können, wenn das Fahrzeug im Schnitt rund 13 Stunden pro Tag am Netz hängt. Nutzer können so je nach Nutzung bis zu einige Hundert Euro pro Jahr verdienen bzw. an Stromkosten sparen.
Die Vision: Autos als Puffer für erneuerbare Energien
Mit zunehmender Zahl von Elektrofahrzeugen wächst auch das Speichervolumen. Schon 2030 könnten allein in Deutschland mehrere Millionen E-Autos unterwegs sein. Die aktuell rund zwei Millionen Elektro-Pkw in Deutschland besitzen zusammen bereits genug Kapazität, um nennenswerte Mengen überschüssigen Solarstroms zwischenzuspeichern. Bei einer realistischen Anschlussquote von 20 bis 30 Prozent ergibt sich ein nutzbares Potenzial von etwa 3,3 bis 5 GWh, das entspricht der Leistung eines großen Kraftwerks über mehrere Stunden. Das würde nicht nur helfen, erneuerbare Energien besser zu integrieren, sondern auch Kohle- und Gaskraftwerke weiter zurückzudrängen. Elektroautos wären damit Teil eines intelligenten, flexiblen Energiesystems und somit ein zentraler Baustein der Energiewende.
Rolle von Herbert Diess und Kritik am deutschen Netz
Der ehemalige VW-Konzernchef Herbert Diess sieht in Elektroautos als Stromspeicher einen „Durchbruch“ für die Energiewende und hält eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien ohne zusätzlichen Netzausbau oder neue Gaskraftwerke für möglich, wenn V2G konsequent genutzt wird. Er betont, dass die heutige E-Auto-Flotte bereits ausreicht, um Solarstrom-Überschüsse besser zu integrieren.
Diess kritisiert zugleich die stark zersplitterte deutsche Netzstruktur mit hunderten Verteilnetzbetreibern als ineffizient und „steinzeitlich“ im Vergleich zum zentral organisierten französischen Modell. Aus seiner Sicht bremst diese Fragmentierung digitale Innovationen wie V2G aus und verteuert die Umsetzung der Energiewende.
Ausblick
Die Idee, dass geparkte Autos eines Tages das Stromnetz stützen, wirkt auf den ersten Blick futuristisch. Doch sie ist greifbar nah. E-Autos als Stromspeicher helfen, starke Schwankungen von Wind- und Solarstrom auszugleichen, indem sie Überschüsse zwischenspeichern und in Zeiten geringer Erzeugung wieder abgeben. Dadurch sinkt der Bedarf an fossilen Reservekraftwerken und der Druck, Netze extrem überdimensioniert auszubauen.
Für Fahrzeughalter eröffnen V2G-Tarife neue Erlösquellen: Sie können an Flexibilitätsmärkten und Regelleistungsmärkten teilnehmen und so ihre Mobilitätskosten deutlich senken. Erste Modellrechnungen und Erfahrungen aus Pilotprojekten zeigen Einsparpotenziale von einigen Hundert Euro pro Jahr, abhängig von Fahrprofil und Anschlussdauer.
Entscheidend wird sein, ob Politik und Energieversorger den Schritt vom Pilotprojekt zur breiten Umsetzung schaffen. Wenn es gelingt, könnte die Elektromobilität doppelt profitieren: als saubere Fortbewegung und als Rückgrat eines klimaneutralen Energiesystems.
Quellen:
Diess-Interview / Berichte
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Trading‑House. (2025, 21. November). Ex‑VW‑Chef Diess: Die Stromrechnung fürs Auto fällt praktisch weg. Abgerufen am 24. November 2025, von https://www.trading-house.net/ex-vw-chef-diess-die-stromrechnung-fuers-auto-faellt-praktisch-weg/68380510EnWG‑Novelle / Netzentgeltbefreiung für Speicher
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Deutscher Bundestag. (2025, 13. November). Schutz der Verbraucher vor Strompreisschwankungen und mehr Wettbewerb im Energiemarkt (Energiewirtschaftsrecht). Abgerufen am 24. November 2025, von https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw46-de-energiewirtschaftsrecht-1125858Ausschussmeldung zur Gesetzesänderung
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Notebookcheck. (2025, 15. November). Bundestag kippt Doppelbelastung für BDL, E‑Auto‑Besitzer können über 700 Euro sparen. Abgerufen am 24. November 2025, von https://www.notebookcheck.com/Durchbruch-fuer-V2G-Bundestag-kippt-Doppelbelastung-fuer-BDL-E-Auto-Besitzer-koennen-ueber-700-Eur.801123.0.htmlV2G‑Start in Frankreich (Renault, Mobilize, The Mobility House)
The Mobility House. (2024, 21. Oktober). Kostenlos laden – Renault Group, Mobilize und The Mobility House starten Vehicle‑to‑Grid in Frankreich. Abgerufen am 24. November 2025, von https://www.mobilityhouse.com/de_de/unser-unternehmen/presse/artikel/kostenlos-laden-renault-group-mobilize-und-the-mobility-house-starten-vehicle-to-grid-in-frankreich.htmlHintergrundartikel zu V2G‑Angebot von Mobilize / Renault
The Mobility House. (2024, 3. Juni). Vehicle‑to‑Grid (V2G) – Bidirektionales Laden erklärt. Abgerufen am 24. November 2025, von https://mobilityhouse-energy.com/de_de/vehicle-to-gridAnalyse zu Frankreich vs. Deutschland bei V2G
The Mobility House. (2025, 10. Juni). Warum Frankreich Deutschland bei V2G überholt hat. Abgerufen am 24. November 2025, von https://mobilityhouse-energy.com/de_de/knowledge-center/artikel/frankreich-vor-deutschland-v2gAllgemeiner Hintergrund „E‑Autos als Stromspeicher“
Bethmann Bank. (2025, 15. Juni). E‑Autos als Stromspeicher. Abgerufen am 24. November 2025, von https://tenor.bethmannbank.de/unternehmen/e-autos-als-stromspeicher